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Mani Terzok

Entzug in Bangkok

Ein Aussteiger sucht die Freiheit und landet in den Mühlen der Heroin-Sucht

»Es scheint, die Verantwortung für mein Leben kann ich niemandem geben; ich muss sie selbst tragen. Ich muss sie verteidigen, mehr noch, ich muss sie durch die Hölle tragen können. Und darf sie im Himmel nicht vergessen.«

Dies schreibt Mani Terzok, der die Freiheit sucht und dabei in den leidvollen Mühlen der Berliner Heroinszene landet.

1980 beschließt Mani, im buddhistischen Kloster Wat Tham Kraborg in Thailand zu entziehen. Die ganze harte Kur. Sein Kopf ist auf Erleuchtung gefasst; stattdessen erfährt er Tricks, Fallen und das gespannte Misstrauen der einheimischen Bevölkerung. Dem Kloster glücklich entronnen, findet er sich bald im großen Knast von Bangkok wieder …

Vorwort zur Neuauflage

Als ich im Alter von 20 Jahren erste Erfahrungen mit Cannabis und LSD gemacht hatte, trat eine Wende in meinem Leben ein. Ich möchte die Drogen nicht „hochjubeln”, denn sie wirkten auch negativ nach, aber es war ein Qualitätssprung in meinem Bewusstsein.

Diese beiden Stoffe erweiterten mich und ließen mich mystische Erkenntnisse gewinnen. Im Zusammenhang mit LSD geschahen geheimnisvolle, kaum zu erklärende oder auszusprechende Dinge. In mir fand eine geistige Revolution statt.

Doch fatal wurde es, als ich davon berichten wollte. Denn nur in der Literatur der Drogen, in der Psychologie und Ethnologie fand ich ansatzweise Erklärungsversuche. Ich konnte auch nur mit wenigen Leuten – es war Anfang der 70er Jahre – persönlich über diese Erfahrungen sprechen.

Diese kommunikative Isolation, nicht die Erfahrungen selbst, machte mich ein Stück einsam und auch ängstlich. Denn jene, die es nicht verstehen wollten, die moralische oder „wissenschaftliche” Argumente gegen Drogen vorbrachten oder einfach Angst um die Vorherrschaft der Vernunft hatten, sahen die hergebrachten Autoritäten in Gefahr und schlugen Verbote vor.

Zu dieser Gruppe gehörten auch meine Eltern; sie kamen in Wallung: „Da haben wir es. Er ist süchtig. Süchtige sind uneinsichtig!”

Fragen kamen hoch: Man ist doch nicht verrückt oder geisteskrank, bloss weil Leute, die es nicht verstehen, dies behaupten!? Meine eigenen Erfahrungen waren doch eher vom Gegenteil: Die Erlebnisse waren seelisch stärkend und ich stellte gottseidank durch den Austausch mit Freunden fest, dass etliche ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Ob sie diese so positiv und heilsam empfanden wie ich, spielt für mich keine wichtige Rolle.

Einige tragische Ereignisse im Zusammenhang mit der Drogeneinnahme zwangen mich aber zu einer konservativen Therapie. Doch unsere amtlichen Mediziner arbeiten ja auch nur mit Drogen, wie etwa starke Beruhigungspillen, Psychopharmaka. Die Folgen bei mir waren Frust, Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit. Dabei müsste mit „Geist„ behandelt und ein „richtiges” Leben geführt werden …

Da griff ich zu dem, was alle bekommen, die starke Schmerzen haben: Opiate! Und so geschah, was für lange Zeit schicksalshaft für mich wurde. Opiate fand ich tröstlich, lebbar, und gewöhnte mich gerne an die Produkte der Mohnkapsel. Ärztlich verschrieben wurde aber kaum, denn das BTM-Gesetz verhinderte es. Darum gab es für mich nur die Opiatsubstanz der Straße: Heroin.

Als die Beschaffung zu schwer und demütigend wurde, musste ich eine scharfe Kurve nehmen und wollte radikal entziehen. Ich suchte Rat bei einigen zumindest in der Sache informierten Psychologen und fand über sie das Kloster Wat Tham Kraborg in Thailand. Der nachstehende Bericht erzählt von dem Klosteraufenthalt und der Zeit danach, die ich im Gefängnis von Bangkok verbrachte.

Heute lebe ich im Ruhrgebiet, naturnah, und halte eine Reihe Bienenvölker, lebe so friedlich wie möglich, mache viel Musik, schreibe, singe und pflege und betreue Kranke. Und suche noch immer nach dem Verborgenen, das sich oft ganz schwer benennen lässt, aber allgegenwärtig ist. Es lohnt sich.
     
Mani Terzok, Essen, im Juni 2012

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Nachwort zur Neuauflage

Als ich damals im Jahr 1980 aus Thailand zurückkehrte, war es mein Schicksal, nicht einfach so weiterleben zu können wie vorher. Ich war geflüchtet aus der Stoffbeschaffungsmühle in Westberlin. Hatte mich retten wollen und wurde aufgehellt durch das Erleben, das Berühren der verschiedenen Welten in Thailand. Sowohl im Ladyar-Gefängnis bei Bangkok als auch im Kloster Wat Tham Krabok im Norden Thailands bei Saraburi wurde ich geistig sehr angeregt, „angetörnt” durch die Erfahrungen: ein Schub von Energie und Geist – persönlich und langfristig.

Die Tageszeitung TAZ brachte eine Doppelseite aus meinem Abenteuerbericht im Freitag-Verlag. Ich machte einige Lesungen, auch auf der Buchmesse, aber konnte keinen dauerhaften Entzugsreport liefern. Wenn ich nicht ganz aufhören wollte mit dieser Gewohnheit und jeden Tag eben nur ein bisschen konsumieren wollte, durfte ich nicht so weiterleben wie vor dem Thailand-Abenteuer.

Dazu brauchte ich Alternativen – wie Methadon, damals noch streng verboten in Deutschland. Ich holte es mir etliche Male und flaschenweise aus Holland. Dann bildete sich eine Basis zum Überleben in unserem liberalen Nachbarländle – sehr ruhig, frei und skurril in einem alten Wohnwagen auf dem Polder eines holländischen Dorfes. Für ein Jahr war ich der „deutsche Freak-Muff am Deich” und dachte, das ginge so weiter.

Zuvor, 1980, im Bumbad Ladyar, dem Bangkok-Knast, hatte ich geschrieben: „Die Verantwortung für mein Leben muss ich durch die Hölle tragen und darf ich im Himmel nicht vergessen.” Damals hat mir diese Vorgabe geholfen zu überleben, hat mir geholfen zu denken. Dem mächtigen Heroin war mit Gewalt nicht beizukommen gewesen. Der thailändische Knast und der unfreiwillige Entzug erbrachten nicht genug Willen, um auf lange oder für immer zu entziehen. Vor allem nicht, wenn die Alternativen zu dem geliebten „hilfreichen” Kraut zu hart und schmerzhaft erscheinen und ein Vakuum nicht gefüllt werden kann im Zusammenleben mit einer als unsinnlich und unsinnig empfundenen Welt.

Ich fühlte mich einer unmenschlichen und verbiesterten Dummheit ausgesetzt und gewaltsam in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Die knallharten Verbote, diese oder jene pflanzliche Substanz zu Hilfe zu nehmen, erlebte ich als Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Beschneidung meiner Menschenrechte. Das zwangsweise Entziehen des Opiats war mit dem mir so wichtigen Aspekt der Freiheit und damit auch des persönlichen Glücks nicht vereinbar. Ich hätte eine geistige Hilfe gebraucht. Aber von wem?  

Nach jenem Buddha- und Bangkok-Abenteuer mischte ich meine Körperchemie neu und „blieb drauf”, auch im Milieu. Es ging nicht mehr zurück, ohne zu viele Kompromisse in Kopf und Herz.

Des Sommers fuhr ich regelmäßig auf Rainbow-Festivals. Das waren große, freie Zeltlager, locker organisiert, herrlich bewusst und bunt-spirituell. Mit manchmal 1000 schönen, freien Menschen, oft in unberührter Natur, ergaben sich zwischen zwei Neumonden die besten Urlaube seit eh. Entstanden waren die Festivals aus den ersten Greenpeace-Treffen in den 80ern. Ein harmonisches Zusammenleben war möglich mit indianischen Bräuchen wie Talking-Stick, Rede-Circle, gemeinsamem Kochen. Autos waren von dem Gelände verbannt und es gab keine kommerziellen Verkaufsbuden: ein Leben ohne Geld und trotzdem oder deshalb läuft alles. Jeder hilft jedem. Sehr angenehm für Sensible – ein Festival, geistig, still, hoch, ohne Gewalt, ohne flache Pöbeleien.  

Aber dazu gehört auch, dass etliche, die zum ersten Mal kommen, meist nach zwei Tagen schon wieder weite Fahrten machen, um im nächsten Supermarkt ihre Erdbeerjoghurts zu shoppen. Oder sie erledigen ihr Geschäft nicht auf den „Shitpits”, die sauber und umweltverträglich an den Waldrand gegraben sind, weil die ja keine Klospülung haben und gaffende Lüstlinge hinter den Bäumen lauern könnten. (Aber wer diese Huckel nicht in ein paar Tagen überwunden hat, kommt sowieso nicht wieder.) Nach jedem Circle-Essen geht ein Zauberhut herum, der „Klingelbeutel”, der das Finanzielle regelt. Für die geistige Nahrung sorgt viel Musik aus aller Welt, Kurse, Gespräche und jedesmal ein herrliches Vollmondfest. Und etliche angebliche Störungen erledigen sich durch verständigen Austausch.

Naturbezug macht stark. Abseits vom vorgekauten Cityleben gibt es diesen echten Stolz, frei zu sein zum Überleben ohne Konsumzwang. Allein schon diese „Illusion-Vision” für einen schönen Rainbow-Sommer lang funktionieren zu sehen, ist eine großartige Bestätigung von guten Hoffnungen. Davon kann man ein Jahr lang erzählen und zehren!

Jedenfalls finde ich die Rainbow-Gatherings sehr förderlich, harmonisch und sie haben mir bis heute zu überaus kreativen Schüben verholfen – vor allem im Ausprobieren ökologischen Überlebens und im Liedermachen. So trete ich heute noch auf Liedermacher-Festen wie auch dem großen Herzberg-Festival auf.

Für mich brachten diese Erfahrungen auch neuen Schwung zur Religion. Ich ging bald wieder in die Kirche, es war so schön praktisch um die Ecke, und dort fand ich die geistige Ruhe, um in die Messe zu gehen, Kirchenlieder zu singen  und manchmal auf der Orgel zu spielen.

Heute spielt auch die Natur, die ich in den 90ern für mich neu entdeckte, eine große Rolle in meinem Leben. Ich begeistere mich an ihrer Schönheit und sie schenkt mir inneren Frieden.

Seit einigen Jahren habe ich mich der Imkerei verschrieben. Auf einer Radtour durch die Uckermark begegneten mir verlassene Bienenvölker und ich sah eine Art Aura um ein solches Volk. Im nächsten Augenblick erhielt ich meine
„Imker-Initiation” mit einem grandiosen Stich unters Auge, der mein Gesicht ums doppelte vergrößerte. Von da ab wollte ich Bienen halten. Ob dabei auch das Bienengift eine Rolle gespielt haben mag, sei dahingestellt. Jedenfalls wurde ich bienensüchtig. Wenn ich jetzt mal gestochen werde, bekomme ich nicht einmal eine Schwellung oder Juckreiz und habe heute eine Imkerei mit zwanzig Völkern.  

Ich lebe heute sehr aktiv, pflege Kranke, liebe und mache Musik, schreibe Lieder. Und ich studiere die Mystik, die hinter dem liegt, was wir vordergründig für Realität halten.

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